Der Weildorfer Bahnhof
Auf der Straße von Salem/Stefansfeld nach Weildorf fällt kurz vor Ortseingang auf der rechten Seite ein gepflegtes Areal mit einem ehemaligen Bahnhofsgebäude auf, das heute noch ein gut erhaltenes Zeugnis für die Eisenbahn-nebenlinie von Neufrach/Mimmenhausen nach Frickingen gibt. Diese Nebenlinie hat das Salemer Tal mit der Bodenseegürtelbahn verbunden.
Die Nebenstrecke Mimmenhausen - Frickingen
Erste Planungen für eine Nebenlinie Mimmenhausen-Frickingen aus dem Jahr 1892 - also lange vor Fertigstellung der Bodenseegürtelbahn - zeigen zwei Streckenvarianten. Die später umgesetzte sollte Weildorf und Leustetten jeweils westlich umfahren, während die alternative Strecke Weildorf östlich umfahren sollte. Weiter hätte diese südwestlich an Beuren vorbeiführen und nördlich von Finkenhausen im Steinenberg eine Station erhalten sollen, bevor sie nördlich an Leustetten vorbei zum nordöstlichen Dorfrand von Frickingen an den Bahnhof geführt hätte. Diese Variante hätte mehr den Interessen von Beuren und Heiligenberg entsprochen, wozu aber deutlich größere Höhenunterschiede hätten überwunden werden müssen.
Karte aus der Petition 1892, mit der die Interessensgrenze zwischen Befürwortern der "Seelinie" und der "Thallinie" aufgezeigt wurde
Ebenfalls noch bevor die Bodenseegürtelbahn in Betrieb genommen werden konnte, forderte am 22. Januar 1899 das Großh. Bezirksamt Überlingen die an der Nebenstrecke Mimmenhausen-Frickingen liegenden Gemeinden auf, die nötigen Beschlüsse zum Geländeerwerb für den Bau der geplanten Eisenbahn zu fassen.
Die Gemeinde Weildorf reagierte umgehend. Bereits am 31. Januar stimmte die Gemeindeversammlung dem Eisenbahnbau zu und genehmigte, von den in Weildorf anfallenden Kosten zwischen 12% und 15% als Gemeindeanteil zu übernehmen. Dies war für eine Gemeinde mit gerade 357 Einwohnern ein sehr großes Vorhaben. Immerhin wurde für die gesamte Strecke von Mimmenhausen bis Frickingen Kosten in Höhe von ungefähr einer Million Mark geschätzt. Nur vier Tage später wurden konkrete Zahlen für Weildorfs Kostenanteil genannt, und wiederum beschlossen in einer Gemeindeversammlung unter Vorsitz von Bürgermeister Johann Georg Sulger alle 40 stimmberechtigten Bürger, dass eine Kapitalschuld von 4.000,- Mark aufgenommen und in 30 Jahren inkl. Zinsen getilgt werden soll. Weitere 6.000,- Mark sollen aus Kassenüberschüssen aufgebracht werden.
Anders als in Weildorf gewünscht und erwartet gingen die Planer davon aus, dass die Station in Weildorf hauptsächlich dem Personenverkehr Rechnung tragen sollte. Für den Güterverkehr waren zunächst die benachbarten Stationen in Salem bzw. Leustetten vorgesehen, weshalb weder ein zweites Gleis als Abstellgleis für Güterwagen noch eine Güterhalle geplant wurde. (Die Eisenbahnbetriebsordnung spricht bei derartigen Bahnanlagen ohne Weiche nicht von einem Bahnhof, sondern von einem Haltepunkt.) Dass für die Station in Weildorf kein Gütertransport vorgesehen war, wollte die Gemeinde Beuren nicht hinnehmen und setzte eine Reduzierung ihres Beitrags auf 5.000,- Mark bei der Generaldirektion der Badischen Staatseisenbahnen in Karlsruhe durch. Nach Fertigstellung der Planung wurden im November 1904 in Weildorf auf Veranlassung der sog. "Expropriations-Kommission für den Eisenbahnbau" 16 Eigentümer der abzugebenden Grundstücke gehört. Die fünf dabei zu Protokoll gegebenen Einwände wurden weitestgehend abgewiesen, so dass im April die Enteignung vom Großh. Badischen Landeskommissär offiziell abgeschlossen wurden.
Postkarte anlässlich der Eröffnung der "Salemer Thalbahn Mimmenhausen-Frickingen" am 30.11.1905, die die neuen Bahnhofsgebäude von Salem, Weildorf, Leustetten und Frickingen darstellt.
Nur vier Tage nach Eröffnung der Nebenlinie beantragte Weildorfs Gemeinderat bei der Generaldirektion der Badischen Staatseisenbahnen in Karlsruhe mit Erfolg, dass am Haltepunkt Weildorf Stückgutabfertigung ermöglicht wird. Mit Fertigstellung des nachträglich genehmigten Güterhallenanbaus wurde ab 15. April 1906 der Stückgutverkehr ab Station Weildorf offiziell bestätigt. Doch der Kampf um die Bahnstation Weildorf sollte weitergehen. Da waren zunächst die gesamtwirtschaftlichen Folgen des 1. Weltkriegs, die 1924 eine Schließung der Station "im Zuge der zu ergreifenden Sparmaßnahmen zur Behebung der Notlage" zur Folge hatte, die allerdings nach Übernahme von jährlichen Betriebskosten in Höhe von 5000,- Mark durch die Gemeinde 1925 wieder aufgehoben wurde. Dank der Fortentwicklung im Verkehrswesen und der damit verbundenen mangelnden Wirtschaftlichkeit der Nebenlinie drohte auch 1932 der Haltestelle Weildorf das Aus, das aber bis Anfang der 1960er Jahre immer wieder verhindert werden konnte. Der Omnibusverkehr und vor allem der Individualverkehr mit dem Auto, der eine zusätzliche zeitliche Flexibilität an Stelle der Bindung an Fahrpläne bot, führte schließlich dazu, dass zahlreiche Nebenlinien stillgelegt wurden. So wurde am 4. Oktober 1953 für die Nebenlinie Mimmenhausen-Frickingen zunächst der Personenverkehr auf der Schiene eingestellt und am 15. Mai 1971 folgte auch die Einstellung des Güterverkehrs, der hauptsächlich der Landwirtschaft diente. Der Rückbau und die Privatisierung der Bahnanlagen folgten unmittelbar.
Hinweis:
Die Geschichte der Salemertalbahn ist besonders ausführlich beschrieben im Buch "Linzgau Mosaik Band 3, 2021", herausgegeben von den Gemeinden Frickingen, Heiligenberg und Salem.